Zur Künstlerin Helen Frankenthaler

Große Wände und viele Farben – das ist Helen Frankenthaler, die eine der einflussreichsten amerikanischen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts war. Die Frau war damals erst Anfang 20 Jahre alt, als sie die von Männern dominierende Kunstszene eroberte.

Ihre Kariere ist in den 60er Jahren begründet mit vielen internationalen Ausstellungen. Sie war eine Pionierin des abstrakten Expressionismus, der Bewegung und des Machens.  Sie experimentierte furchtlos mit neuen Techniken und Ansätzen des Kunstschaffens und schuf lebendige und ausdrucksstarke Werke, die die Konventionen der Kunst bis jetzt herausfordern. Sie entwickelte eine einzigartige Malmethode für monumentale Werke für die Farbfeldmalerei: die Soak-Stain-Technik, durch die sie bekannt geworden ist. Frankenthaler hatte die Fähigkeit, eine raffinierte Bildsprache mit innovativen technischen Experimenten zu verbinden. Sie schuf außerdem geschweißte Stahlskulpturen, Keramiken, Drucke, illustrierte Bücher sowie Kostüm- und Bühnenbilder. Das vielfältige malerische Schaffen der Ikone des abstrakten Expressionismus hat eine persönliche Stimme im Kontext der abstrakten Kunst gefunden.

Während die abstrakten Expressionisten ihre Emotionen oft mit heftigen und markanten Gesten auf der Leinwand zum Ausdruck brachten, bevorzugte Frankenthaler einen mehr lyrisch und poetischen Ansatz, der sich in ihrer fließenden Verwendung von Farbe manifestierte. So erhalten ihre revolutionären Landschafts-Bilder keine figurative Darstellung, sondern eine emotionale und abstrakte Übersetzung der Gefühle, die die Künstlerin bei der Konfrontation mit dieser Landschaft hatte. Die Kunst von Helen Frankenthaler ist also eine ausgewogene Kombination verschiedener Seelen: Poesie und Abstraktion, Technik und Fantasie, Kontrolle und Improvisation. Durch ihre kontinuierliche Auseinandersetzung mit Malerei, Farbe und Emotionen erreichte sie neue Höhen und wurde zu einer der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, die in Deutschland leider kaum bekannt ist.

Soak-Stain-Bilder:

Berge und Meer (1952): Öl und Kohle auf ungrundierter Leinwand

Mountains and Sea (1952):Öl, Leinwand

Open Wall (1953): Öl, Leinwand

Europa (1957): Öl, Leinwand

Madridscape (1958): Kohle, Buntstift, Aquarell und Papier

First Creatures (1959): Öl, Emaille, Kohle und Bleistift auf grundierter Leinwand

Zur Soak-Stain-Technik:

Frankenthaler malte auf unbehandelten Leinwänden, die sie während des Malens am Boden oder auf dem Tisch ausbreitete. Anstatt die Farbe dick und deckend zu verwenden, sodass sie auf der Oberfläche der Leinwand sitzt, verdünnte die Künstlerin ihre Farbe bis zur Konsistenz von Wasserfarben und malte es dann auf Leinwand.

Bei dieser Technik nehmen die Leinwände verdünnte Farbe auf, die darauf großzügig verschüttet werden. Großformatige Abstraktionen mit dünnen Pigmentschichten, die in die Leinwand einziehen, normalerweise bis zur Rückseite durchdringen und an Aquarelle erinnern, sodass das Bild flach gehalten worden. Da die Farbe vollständig in die unbehandelte Leinwand eindringt, wird sie zu einem Teil der Leinwand. Diese Technik steckt voller Überraschungen und Zufälle, die eine neue Technik, eine neue Art des Markierens oder ein neues Gefühl von Kontrolle oder Chaos beim Farbauftrag hervorbringen kann.

Die wahre Liebe zu den Materialien diktiert den Akt des Farbauftrags, wobei die Möglichkeiten oder Grenzen der Farbe den Weg zum fertigen Werk weisen. Das kann die Grundlage für eine einfache, aber durchdachte Komposition, die darüber gemalt wird, oder auch für eine komplizierte Komposition sein.

Das war neu:

  • weg von starren Formen
  • Wechsel in den 60er Jahre auf Acrylfarben gaben mehr Kontrolle über das Medium und erlaubten, schärfere, definierte Kanten zu schaffen, größere Farbsättigung und Bereiche mit mehr Deckkraft.
  • Die Verwendung von Acrylfarben verhinderte auch die Archivierungsprobleme, die ihre Ölgemälde durch das Öl verursacht hatten, das die ungrundierte Leinwand zersetzte.
  • Anstatt die Farbe dick und deckend zu verwenden, sodass sie auf der Oberfläche der Leinwand sitzt, verdünnte Frankenthaler ihre Farbe bis zur Konsistenz von Wasserfarben und malte es dann auf ungrundierte Leinwand, sodass das Bild flach gehalten wurde.
  • Die Leinwand legte sie auf den Boden, anstatt sie vertikal auf eine Staffelei oder an eine Wand zu stellen, damit es mittels der Schwerkraft in die Leinwand eindringen konnte.
  • Dann manipulierte sie die Farbe durch Gießen, Tropfen, Schwamm, mit Farbrollern und manchmal Haushaltsbürsten.
  • Manchmal hob sie die Leinwand an und neigte sie auf verschiedene Weise, sodass die Farbe Pfützen bildete und sammelte, in die Oberfläche eindrang und sich auf eine Weise über die Oberfläche bewegte, die Kontrolle und Spontaneität kombinierte. 
  • Das Bild zeichnet sich durch großflächige, ineinanderfließende Farbflächen aus, die die gesamte Leinwand bedecken, wobei einige Bereiche des Stoffes unbemalt bleiben.
  • Anstelle der Farbe als materielle Substanz dominieren nun Flüssigkeit und Transparenz.
  • Durch ihre Soak-Stain-Technik wurden Leinwand und Farbe eins und betonten die Flachheit des Gemäldes, obwohl sie großen Raum vermittelten.
  • Die Bildkomposition ist abstrakt und zeigt keine erkennbaren gegenständlichen Elemente. Es dominieren organisch wirkende, ineinanderfließende Farbflächen in verschiedenen Tönen.
  • Sie entwickelte ihren eigenen Stil und konzentrierte sich auf Formen, Farben und Leuchtkraft der Farbe, was zu lebendigen Farbfeldern führte.
  • Das war neu: Die unbemalten Bereiche der Leinwand wurden zu wichtigen eigenständigen Formen und integraler Bestandteil der Bildkomposition. 

Bemerkenswerte Zitate von Helen Frankenthaler:

Es gibt keine Regeln. So entsteht Kunst, so geschehen Durchbrüche. Gehe gegen die Regeln oder ignoriere die Regeln. Darum geht es bei der Erfindung.”

– “Ich glaube an die Tradition”, sagte Frankenthaler. “In meinem Fall basierte meine Ausbildung – meine Wurzeln – auf Cézanne, Picassos analytischem Kubismus und Braque, Kandinsky, Miró, Gorki, Pollock und vielen ihrer Zeitgenossen, Mentoren und Freunde. Ich habe gelernt, die Meister der Vergangenheit, des 15. Jahrhunderts, der Renaissance, zu schätzen, ebenso wie die Werke meiner Zeitgenossen. Manchmal denke ich, dass sich ästhetische Entwicklungen für einen Künstler fast ohne Vorwarnung einschleichen, mit einer subtilen Dringlichkeit, einer unbewusst geplanten Überraschung. Es gibt eine natürliche Ordnung”.

https://gagosian.com/artists/helen-frankenthaler

https://ideelart.com/de/blogs/magazine/helen-frankenthaler

Veröffentlicht von Kunstatelier: CREATORES in Paderborn

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